Wenn man diese Frage heute überhaupt noch stellen kann: Was ist deutsches Design?

Wo fängt man an? Ich muss sagen, dass für mich die Frage der Nationalität eines Objekts nicht so sehr im Vordergrund steht. Das hat nichts mit mangelndem Nationalstolz zu tun, sondern reflektiert die Globalisierung, die ihre Spuren auch in Designtendenzen hinterlassen hat – kulturelle Differenzen haben sich abgeschliffen. Das lässt sich genauso gut auch beispielsweise im französischen oder britischen Design beobachten. Dennoch führen Stereotype ein beharrliches Eigenleben. Interessant ist für mich: Wie werden sie bedient, wie werden sie bewusst gebrochen? Übrigens ist die Internationalisierung kein Phänomen unserer Tage. Nehmen wir das Bauhaus, das 2019 100 Jahre alt wird. Kaum etwas gilt im Ausland als so deutsch, sprich kühl, weiß, ingenieurhaft. Dabei war das Bauhaus bunt und sinnlich und überhaupt nicht so »deutsch«, nicht nur das Hauptgebäude in Dessau, sondern auch die Arbeiten der Lehrer und Studenten im Bereich Textil und Metallverarbeitung. Auch nicht zu vergessen: Die Bauhäusler, die in den 30er Jahren emigrieren mussten, fanden ein reiches Terrain in den USA und bereiteten auf ihre Art den International Style und den Mid-Century Style vor, den wir auch durch die TV-Serie »Mad Men« wiederentdeckt haben.

Porträt Oliver Jahn

Oliver Jahn, Chefredakteur von AD.

Was passiert in der jungen deutschen Designerszene?

Deutsches Design ist besser als sein Ruf und lebendiger denn je! Seit jeher konzentrieren sich viele Kreative in Berlin und dort ist, wie wir beobachten, in den vergangenen 10 oder 15 Jahren viel passiert. Die zeitweilige Verspieltheit und Ironie sind einer größeren Ernsthaftigkeit gewichen. Das hat auch mit der veränderten wirtschaftlichen Situation – und gestiegenen Mieten – zu tun. Heute gibt es in der Hauptstadt tolle Läden wie Bazar Noir, Brunnen 190 oder Biscuit China speziell für Keramik und Glas, die illustrieren, dass diese Stadt ein Schmelztiegel für Kreative geworden ist. Zugleich kann man aber tatsächlich auch eine neue Liebe zur Reduktion entdecken. 

Bazar Noir

Designladen Bazar Noir in Berlin.

Sois Blessed

Sois Blessed Store in München.

Wer weiß, ob das einfach in der deutschen Seele verhaftet ist? Aber Gestalter hierzulande haben eben eine hohe Affinität zur Technik. Wir sollten aber nicht vergessen, dass »typisch Deutsches« wie Autos und Produkte des Maschinenbaus Designpreise gewinnen. Man darf den ästhetischen Kern, der diese Bemühungen begleitet, nicht außer Acht lassen. Besonders spannend finde ich vor diesem Hintergrund, dass gerade junge Kunsthandwerker auf sich aufmerksam machen, die wie Fabian Fischer mit seinen Holzmöbeln oder Moritz Bannach mit seinen klaren, in Signalfarben lackierten Tischen traditionelle Techniken mit zeitgemäßem Anspruch verbinden.

Fabian Fischer

Die Hocker in Fabian Fischers Werkstatt zeichnen sich durch eine von Hand geschnitzte Sitzfläche mit präziser Kante aus.

Daniel Heer

Daniel Heer fertigt als vielleicht Einziger seiner Generation noch Rosshaarmatratzen von Hand.

Der Titel des zweiten AD Design Summits lautet geradezu provokativ »Bauhaus oder Bang?«.

Wir wollten mit zwei Positionen spielen – von dem, was man mit dem Bauhaus verbindet, zu barock anmutender Inszenierung mit Aspekten des Dekorativen. Wir denken bei Design immer an gestaltete Produkte, dabei gehört das Interior Design ausdrücklich dazu. Das wird nicht immer so gut unterschieden, weil die Grenzen fließend geraten. In AD zeigen wir zwar Produkte, aber diffundieren sie sozusagen in den Häusern und Räumen, die wir vorstellen. Wir wollen bei diesem Summit eine brisante Frage stellen: Wie wollen wir leben? In Frankreich, dem Mutterland der Interieurs seit Ludwig XIV., hatte diese Lebenskunst immer einen hohen Stellenwert. In Deutschland herrschte lange die Vorstellung, es reiche, wenn man zwei teure Sofas hinstellt, und fertig ist die Einrichtung. Das ändert sich, denn, so wie deutsches Design besser als sein Ruf ist, so ist auch die Genussfähigkeit hierzulande besser entwickelt, als man gemeinhin annehmen mag. Das sieht man am Erfolg von Interior Designern wie Robert Stephan, der stark von Mid-Century beeinflusst ist, Gisbert Pöppler, der die Farbigkeit der 20er Jahre einsetzt, oder Jan Reuter, der Stoffe und Texturen so einzusetzen vermag, wie man es sonst Südländern nachsagt.

Interior-Designer Gisbert Pöppler

Seit zwei Jahrzehnten gestaltet der passionierte Interior Designer Gisbert Pöppler die Innenräume von Galerien, Museen, Büros und Privatresidenzen.

Vor diesem Hintergrund: Wird in Deutschland genug für Design getan?

Nein, definitiv nicht. Es müsste viel mehr passieren. Es gibt die Bemühungen des Rats für Formgebung; auch das Auswärtige Amt tut mit seinen Ausstellungen viel, um die Vielfalt deutschen Designs in die Welt zu tragen. Es gibt hervorragendes Engagement wie beispielsweise bei Vitra oder der Neuen Sammlung in München. Sie alle belegen, dass man in Deutschland mehr kann als Technik. Und natürlich arbeiten wir mit unserem Magazin an diesem alles überspannenden Projekt intensiv mit. Aber mehr Selbstbewusstsein dürfte schon sein. Dabei hat es gerade nach 1945 prägende Strömungen im deutschen Design gegeben wie die Gute Form, die Ulmer Hochschule für Gestaltung. Aber die viel beschworene »Stunde null« ist selbst schon ein Mythos. Man fängt nie von vorne an, sondern bezieht sich irgendwie auf das, was vorher war. Man denke an die schönen, runden und in sanften Pastelltönen gehaltenen Möbel der 50er Jahre, die so lange ungeliebt waren, weil man sie mit dem Bild der miefigen Adenauer-Ära verband. Die kamen nicht aus dem Nichts auf, sondern waren eine Reaktion auf die dunklen Jahre davor. Wir Nachgeborenen haben diese Objekte, diese Art, einzurichten, wiederentdeckt und mit neuen, aktuelleren Bedeutungen aufgeladen. Wohnen ist immer eine Erzählung.

Tinnappelmetz

Tinnappelmetz ist ein interdisziplinäres Atelier für Architektur, Innenarchitektur und Objektausstattung in Berlin. 

Gibt es aber nicht auch eine Inflation des Begriffs Design?

Auch die hat es schon immer gegeben! Wir erinnern uns an die 80er Jahre, als der Begriff wie ein Label für Dinge wie Jeans und Brillen fungierte. Es war nur ein Fall von geschicktem Marketing zur vermeintlichen Abgrenzung von Industrieprodukten. Mich amüsierte das immer, denn alles, was vom Menschen und nicht von der Natur kommt, ist gestaltet. Auch Alltägliches, Profanes wie Büroklammern und Kugelschreiber. In einem Interview erzählte mir der Architekt David Chipperfield, dass nach dem Krieg so viel zerstört war, dass Designer aufgerufen wurden, das zu gestalten, was Menschen existenziell brauchen; heute diene Design nur dazu, Bedürfnisse zu wecken – »design what people need vs. design that people want«. Vergessen wir nicht, dass wir in einer saturierten Gesellschaft leben – man könnte sogar schon vom Übergang zur Dekadenz sprechen.

Jan Kath

Das Kreativzentrum von Jan Kath Design befindet sich in einem alten 1000 Quadratmeter großen Fabrikloft. An schwebenden Wänden werden in dem Showroom die aktuellen Kollektionen präsentiert.

Objekte unserer Tage

Stuhl »Schulz« von Objekte unserer Tage.

Wie sehen Sie Ihre Aufgabe als Chefredakteur von AD?

Die Welt, die wir in AD abbilden, gilt vielen als abgehoben, nur Villen reicher Leute. Da muss man viel genauer hinschauen, was wir eigentlich machen. Ich persönlich mag den Begriff Luxus nicht sonderlich, denn er ist abgedroschen wie der Begriff Design. Gleichwohl kommt man um die Begriffe nicht herum. Es geht eher darum, wie man diese Begriffe frischer und immer wieder neu interpretiert. In der Redaktion läuft im Grunde andauernd eine Diskussion darüber, was wir jetzt unter diesem Signum verstehen. Luxus unterzog sich natürlich ebenfalls einem historischen Wandel. Gehen wir einfach kurz zurück in die 90er, in denen es sich vornehmlich um Statussymbole wie eine bestimmte Tasche drehte. In den 2000ern ging es um die schiere Quantität dieser Symbole. Dann kam die Gegenbewegung zum Überfluss und damit rückte Handwerkliches in den Fokus – und eine neue emotionale Bindung zum Produkt. Ich verstehe AD als ein Magazin, das sich der Lebenskultur widmet und für den Leser all das auswählt und kuratiert, was wir in dieser unerschöpflichen, in ihrer Fülle verwirrenden Welt vorfinden. Ich will trotzdem nicht vorschreiben und missionieren, sondern Lust auf Erfahrung im Umgang mit solchen Produkten, mit einer bestimmten Welt machen.

Nya Nordiska

Textildesign von Nya Nordiska.

„How to live / Bauhaus or Bang“: Treffen Sie am  22. November 2018 die Großen aus Interiordesign, Architektur und Design beim zweiten AD Design Summit in München. 
Hier

Ein Beitrag von Alexandra Felts

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