Als Sebastian Herkner 2009 den Bell Table auf den Markt brachte, stieß er damit bei den großen Möbelfirmen zunächst auf Skepsis: von Hand gefertigt, aus Messing und farbigem Glas. In einer Zeit, in der gerade Kunststoff angesagt war, war der Bell Table ein Sonderling. Inzwischen ist der farbenfrohe Beistelltisch schon fast so etwas wie ein moderner Klassiker. Sebastian Herkner macht die Dinge anders. Was ihn damals anecken ließ, ist inzwischen zu seinem Erfolgskonzept geworden. 

Portrait Sebastian Herkner 

Designer Sebastian Herkner.

Handwerk, starke Farben, ausdrucksvolle Formen – würden Sie das als Ihre Designphilosophie beschreiben?

Es geht bei uns sehr viel um Material. Farbe ist ebenfalls extrem wichtig, da sie dem Produkt seinen Charakter gibt. Diese beiden Themen gehören natürlich sehr eng zusammen, da jedes Material von Natur aus seine typische Farbe hat. Dann müssen unsere Produkte in dem Sinne nachhaltig sein, dass sie nicht trendy sind oder nur kurzzeitig funktionieren. Als Designer haben wir soziale Verantwortung; ich denke da in erster Linie an die Ressourcenknappheit. Wir wollen Produkte schaffen, die ihren Besitzer über eine lange Lebenszeit begleiten. 

Ames Sala Collection

Wie gehen Sie an den Entwurfsprozess heran? 

Ich bin ja in erster Linie ein Dienstleister für die Industrie. Mein Bestreben ist es, dass der Entwurf zum Hersteller passt. Er soll kein reines Egoprodukt sein, sondern er muss sich ganz natürlich in das Portfolio des Auftraggebers einfügen, dabei aber meine Handschrift tragen. Es ist wichtig, die Geschichte des Kunden zu verstehen und seine Vision zu erkennen. Bei jedem Auftrag ist der Anspruch ein anderer. Oder das Einsatzgebiet ist ein anderes. Ein Stuhl in einem Wartezimmer ist etwas anderes als ein Stuhl im Restaurant oder in der Chefetage. Den richtigen Charakter muss man zusammen mit dem Kunden entwickeln. 

Ono Ella in der Farbe Bordeaux von Schramm Werkstaetten
CLOSE UP THONET 118

Wie kam es zu dem fast schon archetypischen Stuhl 118, der für Thonet entstanden ist? 

Die Aufgabe war eine Neuinterpretation des Frankfurter Stuhls. Der Frankfurter Stuhl ist ja ein ganz einfacher Küchenstuhl aus Holz zu einem guten Preis. Unser Arbeitstitel war dann »Offenbacher Stuhl«, weil ich in Offenbach sitze, einer Stadt, die gerade aus dem Schatten Frankfurts heraustritt. Er sollte die klassischen Thonet-Merkmale haben: den Rahmen aus Bugholz, die Sitzfläche mit dem typischen Wiener Geflecht. Zudem gibt es die Hochglanzlackversion mit Farbe, was wiederum typisch für unsere Arbeit ist. Im Gegensatz zum Frankfurter Stuhl, der zum Teil aus Schichtholz gefertigt ist, besteht unsere Version komplett aus Vollholz. Zudem ist er auch etwas eleganter als sein Vorgänger: An den runden Beinen des 118 befinden sich feine Kanten, an denen sich das Licht bricht – ähnlich wie in der Automobilindustrie.
Er ist aber nach wie vor ein einfacher, ehrlicher Stuhl.

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Thonet 118

Herkners Entwurf 118 für Thonet.

Moroso x Pipe - Rot

Im Möbeldesign hört man in letzter Zeit häufig, dass die Entwürfe immer langweiliger werden. Alle machen dasselbe.

Auf Messen sehe ich gerade viele neue dänische Firmen, die sich zum Teil extrem ähneln. Die haben dieselben pastellfarbenen Farbwelten, dieselben hellen Hölzer. Das ist natürlich schwierig. Ich denke, dass es wichtig für eine Firma ist, eine eigene Identität zu finden. Das bedeutet aber auch, mal gegen den Strom zu schwimmen, ein Produkt zu machen, das nicht sofort gefällt. So war das beispielsweise bei dem Pipe Chair für moroso. Zu der Zeit waren filigrane Gestelle beliebt, wir aber haben uns für einen dicken Rohrdurchmesser entschieden, wodurch eine brutalistische, beinahe cartoonartige Anmutung entstanden ist. Und als ich damals mit dem Bell Table und dem Handwerksthema angefangen habe, war Handwerk noch nicht gerade en vogue. Diese Echtheit des Materials – Messing, Glas, Marmor –, das kam dann erst in den vergangenen Jahren sehr stark auf.

Ist Handwerk inzwischen Trend?

Ich glaube, das ist mehr Sehnsucht als Trend. Wir leben in einer sich unglaublich schnell verändernden Gesellschaft und sind von Produkten umgeben, die selbst vor nur zehn Jahren noch Science-Fiction-Charakter hatten: Drohnen, 3D-Drucker, die ganze Smartphone-Thematik sowie unsere Social-Media-Parallelwelten. Das ist einfach wahnsinnig, was da auf uns einprasselt und unsere Arbeits- und Lebenswelt komplett verändert. Da sehnt man sich nach einer gewissen Echtheit und vielleicht auch nach Tradition und eben auch nach Handwerk und den damit verbundenen ursprünglichen Materialien wie Glas oder Messing. Und auch Typologien von Möbeln, die eher für die gute alte Zeit stehen wie Ohrensessel, Daybeds, Servierwagen und schwere Teppiche. Diese Produkte erleben gerade eine große Renaissance.

Bell Table Kupfer und Schwarz

Was ist Ihr Lieblingsprodukt?

Alle Produkte sind meine Babys, aber ich mag unheimlich gern das Kolumbienprojekt mit Ames, weil es mich in eine komplett andere Kultur bringt. Eine Kultur, die vielleicht für Kunsthandwerk bekannt ist, aber nicht unbedingt für Design. Die Gründerin Ana María Calderón Kayser wohnt in Koblenz, kommt aber aus Kolumbien. Sie hat mich vor drei Jahren gefragt, ob ich Interesse hätte, mit ihr in ihrem Heimatland Produkte zu entwickeln und zu produzieren. Jetzt sind wir zweimal im Jahr dort und wir machen ganz unterschiedliche Sachen: Outdoormöbel, Decken, Keramik. Vor Ort mit Handwerkern zusammenzuarbeiten, mit ganz kleinen Familienbetrieben, die jetzt wachsen und Leute einstellen, weil das Projekt Erfolg hat, ist toll. Durch die Handarbeit unterscheiden sich alle Produkte leicht voneinander, was im Gegensatz zur industriellen Produktion großen Charme hat und wahnsinnig gut ankommt.

Ames Sala
Ein Beitrag von Katharina Schwarze

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