Wie denkt man die Zukunft? Das ist eine Frage, die so zeitlos wie universell ist, aber durch die Beschleunigung der weltpolitischen und geologischen Umbrüche der vergangenen Jahre umso dringlicher wird. Wie das Zusammenleben von Menschen vor dem Hintergrund erodierender bestehender Verhältnisse gelingt, fragen nicht nur Wirtschaft und Politik; die Stimmen kommen auch aus Bereichen, von denen man es sonst weniger erwartet – man blicke nur auf Okwui Enwezors Venediger Biennale 2015 oder die letztjährige documenta 14 von Adam Szymczyk.

Forest City Gebäude

Doch während sich die Kunst weitgehend auf einem metaphysischen Terrain bewegt, kommen aus anderen Kreativbereichen schon seit Jahren Lösungsansätze: Zu den größten Innovatoren für gesellschaftliche und ökologische Herausforderungen unserer Zeit gehören mittlerweile Architekten und Produktdesigner. 

Nicht nur auf den vergangenen Architekturbiennalen oder der Weltausstellung in Mailand 2015 zeigten Ideen für intelligente Stadtplanung und Produkte, wie Problembereiche in städtischen Ballungszentren ganz praktisch angegangen werden können, von sozialer Wohnraumgestaltung bis hin zu ökologischen Aspekten.

Schon seit Beginn der Industrialisierung ist der größte Preis für den technischen Fortschritt die Umweltverschmutzung, und die fatalste darunter ist die Luftverschmutzung. Laut Weltgesundheitsorganisation sterben jährlich etwa sieben Millionen Menschen an deren Folgen. Damit ist die Luftverschmutzung das größte ökologische Gesundheitsrisiko, das durch die zunehmende Urbanisierung der Welt stetig anwächst.

Deutsche Bahn City Tree Berlin Südkreuz
Green City Solution Gründer Team

Gemeinsam mit dem Ingenieur Victor Splittgerber, dem Wirtschaftsingenieur Liang Wu und dem Gartenbau-Produktionsmanager Peter Sänger hat der Architekt Dénes Honus bereits 2014 Green City Solutions gegründet, ein Start-up, das wissenschaftliche Erkenntnisse nutzt, um Systeme zur Luftbereinigung zu entwickeln.

Forschungsergebnisse verschiedener Universitäten, darunter der TU Dresden, Stuttgart und Bonn, haben gezeigt, dass es Mooskulturen gibt, die viel effizienter als andere Pflanzen aktiv dazu beitragen, Luftverschmutzung zu reduzieren, indem sie schädliche Gase und Feinstaubpartikel aufnehmen und in ihre eigene Biomasse umwandeln. Diese Eigenschaft von Moosen ist schon seit Langem bekannt, aber wurde, so Honus, erstmals von Green City Solutions kommerzialisiert.

Das erste Produkt des Berliner Unternehmens ist der City Tree, der gar kein Baum ist, sondern eine vier mal drei Meter große vertikale Fläche aus besagten Mooskulturen, die unproblematisch überall aufgestellt werden kann und das Filterpotenzial von etwa 275 Bäumen hat.

»Aber bei unseren Produkten geht es nicht nur um die Verwendung der Mooskulturen, sondern auch um die Frage, wie diese Mooskulturen in städtischen Räumen optimal versorgt werden können«, sagt Honus. Denn Pflanzen sind pflegebedürftig und gerade in dicht bebauten Gebieten nicht immer eine realisierbare Option.

Für den City Tree, der zurzeit 22.500 Euro kostet, wurde deshalb ein integriertes Versorgungssystem entwickelt, das es Green City Solutions erlaubt, die Anlagen zu überwachen, und es gleichzeitig der jeweiligen Anlage ermöglicht, sich selbst zu versorgen.

Green City Solution City Tree Jena

Neben einer eigens geschriebenen Software mit Cloud-Applikation und Internetanbindung sind auch Nährstoff- und Wassertanks, Sensoren und Solarpaneele in den City Tree integriert, die die Mooskulturen auf Basis der systemeigenen Datenerhebungen pflegen. Damit gehört Green City Solutions zu einer Reihe von Innovatoren, die mit Design und Architektur gegen die Luftverschmutzung ankämpfen wollen.

Forest City in Nanjing Vogelperspektive

Schon 2014 machte das Mailänder Architekturbüro von Stefano Boeri mit seinem Bosco Verticale von sich reden, einem Hochhauskomplex mit über 900 Bäumen, der mit der Bepflanzung ebenso schön wie funktional ist, weil das Grün nicht nur CO2 absorbiert, sondern auch lärmmindernd und klimatisierend ist. Das Projekt, das in Mailand seinen Anfang nahm, wird von Boeri auf Anfrage chinesischer Auftraggeber nun weitergeführt: In Nanjing sollen 2018 zwei Türme mit ähnlicher Struktur fertiggestellt werden; bis 2020 vielleicht sogar eine ganze »Forest City« in Luizhou, die als Pilotprojekt für weitere Städte angedacht ist, die grüne Lungen in chinesischen Industrieregionen werden sollen.

Neben den Lösungsansätzen mit den Mitteln der Natur kommen aus der Forschung aber auch andere Impulse. Das ebenfalls aus Berlin stammende Forschungs- und Designstudio Elegant Embellishments arbeitet zum Beispiel mit einem Architekturmodul namens Prosolve370e, einem dekorativen Ornamentsystem, das mit Titandioxid überzogen ist und durch eine chemische Reaktion bei Tageslicht giftige Gase absorbiert. So soll etwa die 2012 in Mexiko-Stadt am Hospital Manuel Gea Gonzales angebrachte Fassade von Elegant Embellishments laut Studien täglich die Luftverschmutzung von etwa 1.000 Autos reduzieren. In China wurde 2016 in kleinerem Maßstab das »Smog Free Project« des niederländischen Künstlers und Designers Dan Roosegaarde umgesetzt. 

Forest City in Luizhou Vogelperspektive

In Peking wurde in öffentlichen Parks der Smog Free Tower aufgestellt, eine Art riesiger Staubsauger in Form einer geometrischen Skulptur, die pro Stunde 30.000 Kubikmeter Luft durch Ionentechnologie reinigt und durch Windenergie betrieben wird. Das Projekt wurde im vergangenen Jahr um das Smog Free Bicycle erweitert, bei dem in Zusammenarbeit mit dem größten chinesischen Fahrrad-Sharing-Dienst Ofo Filtermodule an die Lenker angebracht wurden, die ähnlich wie der Tower mit Ionentechnologie funktionieren. Die Kohlenstoffpartikel, die dabei aus der Luft gefiltert werden, verarbeitet Roosegaarde wiederum zu Schmuck, dessen Verkauf weitere Projekte finanzieren soll. 

All diese Initiativen sind funktionale und gleichzeitig ästhetisch ansprechende Symbiosen zur Bekämpfung von Luftverschmutzung, die zukunftsweisend für die Planung von urbanen Räumen sein können. Noch sind sie wie Tropfen auf den heißen Stein, doch je mehr Projekte dieser Art umgesetzt werden, desto größer der Effekt für die Lebensqualität in großen Städten. Trotzdem ersetzen sie letztendlich nicht die Notwendigkeit, dass in erster Linie der übermäßige Ressourcenverbrauch als Ursache reduziert werden muss.

Ein Beitrag von Quynh Tran

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