Warum sammeln Sie Uhren?

Zunächst faszinierte mich die Mechanik en miniature mit all ihren Zahnrädern, Federn und Plättchen, die zusammenwirken, um die Zeit zu messen. Danach war ich neugierig, mehr über die vielen Komplikationen zu lernen, die zu einem anspruchsvollen Uhrwerk gehören. Schließlich habe ich mich intensiv mit der Geschichte des Zeitmessens beschäftigt und mit Meilensteinen wie Sonnenuhren, Kirchturmuhren oder Bahnhofsuhren, die eingeführt wurden, damit Züge pünktlich fahren. Englische Schiffschronometer des 18. Jahrhunderts spielten eine wesentliche Rolle bei der Navigation auf hoher See und ermöglichten einen wirtschaftlichen Vorteil. Man verliebt sich in ein Thema und will dann alles dazu wissen.

Uhrenblogger Frank Geelen

Ferdinand Berthoud

»Was mich an Uhren fesselt, ist, dass sie von einer Mechanik angetrieben werden. Sie sind emotional.«

Welche Trends beobachten Sie aktuell in der Uhrenbranche?

Ich befasse mich mit dem Bereich, den man Haute Horlogerie oder High-End Watchmaking nennt. Dazu gehören bekannte Persönlichkeiten wie Philippe Dufour, der die Grande-Sonnerie-Minutenrepetition für Armbanduhren schuf, aber auch die traditionsreichen Schweizer Marken Patek Philippe oder Vacheron Constantin. Sie bauen Komplikationen wie ewige Kalender oder Mondphasenkalender, die die Konstruktion im begrenzten Raum des Gehäuses erst so anspruchsvoll machen. Ich beobachte bei renommierten Marken den Trend, Kollektionen zu vereinheitlichen, und zugleich, dass es immer wichtiger wird, vor allem das Image einer Marke zu kommunizieren. Über die Preissegmente hinweg sieht man jetzt viele Designs aus den 1950er und 1960er Jahren. Auch die High-End-Unternehmen greifen diesen Retrolook auf, denn damals waren die Armbanduhren clean und schlicht, es gab weniger Komplikationen.

Patek Philippe

Patek Philippe

Was halten Sie von Smartwatches?
Marken wie TAG Heuer oder Montblanc bieten sie inzwischen an.


Was mich an Uhren fesselt, ist, dass sie von einer Mechanik angetrieben sind; andernfalls würde ich sie mir nicht ums Handgelenk binden wollen. Ganz ehrlich? Ich finde es lästig, dass es jetzt noch ein weiteres Ding geben soll, das mich ablenkt und piept. Erwarte ich einen Anruf, lege ich das Handy auf den Tisch, bin ich in einem Meeting, stelle ich es stumm. Ich brauche keine Uhr, die mir mitteilt, dass eine E-Mail angekommen ist. Smartwatches sind nicht emotional. Das Verrückte ist, dass ich viele Leute bei Google oder sogar Apple nennen könnte, die total auf alte Uhren stehen. Wer weiß, in ein paar Jahren haben wir alle einen Chip unter der Haut, der die Aufgaben der Smartwatch übernimmt – und das Geschäftsmodell ist obsolet. Aber eines muss ich doch sagen: Es gefällt mir, dass die junge Generation immer noch etwas ums Handgelenk bindet, statt ausschließlich aufs Display in der Hand zu starren.

Was raten Sie einem Einsteiger, der sammeln möchte?

Bei Uhren ist es ähnlich wie bei anderen Sammlerthemen zunächst immer eine Frage des Preises. Egal ob man sich eher für moderne oder klassische Zeitmesser interessiert – und wir reden hier immer von Uhren mit mechanischem Antrieb –, kann ich Einsteigern nur raten, so viel wie möglich zu lesen und sich weiterzubilden. Man entdeckt dabei faszinierende Zeitlinien, die bei der Einordnung helfen. Nehmen wir als Beispiel Longines: In den 1930er Jahren zählte sie zu den Spitzenmarken der Haute Horlogerie. Sie orientiert sich aber heute ähnlich wie Baume & Mercier, Omega oder Montblanc stärker am modischen Wandel und ist für mich eher ein Beispiel für das Segment Affordable Luxury. So kann sich das Selbstverständnis einer Marke über die Jahrzehnte wandeln.

Audemars Piguet

Montblanc

A. Lange & Söhne

A. Lange & Söhne

Wie viel sollte man am Anfang in eine Uhr investieren?

Eine sehr attraktive mechanische Uhr bekommt man tatsächlich schon für 1.000 Euro, beispielsweise von Seiko, aber auch von deutschen Unternehmen wie Nomos oder Sinn. Ich mag diese Unternehmen sehr, weil sie hervorragende Qualität in Kombination mit deutschem Designanspruch bieten. Es gibt überhaupt in den Kreisen der internationalen Uhrenliebhaber ein neues Interesse an den Marken aus Deutschland wie Tutima oder Glashütte, die lange im Schatten der Schweiz standen. Und dann gibt es für mich als eine der besten Manufakturen überhaupt A. Lange & Söhne, die in Sammlerkreisen große Bewunderung genießen und sich kompromisslos der Industrialisierung und Standardisierung in der Branche widersetzten.

Welche Uhrmacher zählen zu Ihren Geheimtipps?

Ich schätze die Arbeit von Laurent Ferrier, der ursprünglich technischer Direktor bei Patek Philippe war und im Ruhestand seinen eigenen Weg ging, um einzigartige Werke zu bauen. In der Uhrmacherkunst ist Präzision so etwas wie der Heilige Gral, und da hat Ferrier Techniken von Breguet aus dem 18. Jahrhundert noch einmal entscheidend weiterentwickelt. Sehr spannend finde ich auch die Uhren von Kari Voutilainen, der sich als Finne in der Schweiz niederließ und nun limitierte Zeitmesser baut, darunter als Premiere eine Dezimalrepetition mit Schlagwerk für Stunden, zehnminütige Intervalle sowie Minuten. Wie alle Connaisseure bewundere ich auch die Uhren der Gebrüder Grönefeld, deren Familienbetrieb schon 100 Jahre alt ist und die mit ungewöhnlichen Komplikationen für Furore sorgen. Da gibt es zum Beispiel die sogenannte springende Sekunde mit separaten Anzeigen für die Gangreserve und das Stellen der Uhr. Was sie alle auszeichnet, sind handwerkliche Qualität und ungewöhnliche, gewagte Lösungen.

Auktion bei Phillips

Patek Philippe
1951
Verkauft für: $ 975,000

Patek Philippe
1977
Verkauft für: $ 92,500

 

Paul Newman's Rolex "Daytona"
1963
Verkauft für: $ 17,752,500
 

Patek Philippe
1949
Verkauft für: $ 591,000

Laurent Ferrier

GLOSSAR

Chronograph – dient heute nahezu als Oberbegriff für alle Armbanduhren. Uhren mit dieser Bezeichnung besitzen eine Stoppfunktion wie beispielsweise die Autavia von TAG Heuer oder Modelle von Zenith, um im Motorsport bei Rallyes oder auf Rennkursen Rundenzeiten zu messen.

Chronometer – das sind Uhren, die extrem präzise sind und offiziell zertifiziert werden. Sie waren früher vor allem zur Navigation auf hoher See und später in der Luftfahrt wichtig, weil sich mit ihnen der Längengrad bestimmen ließ.

Automatik – Grundlage dieses Uhrentyps ist immer ein mechanisches Uhrwerk mit einem Rotor, der durch die Armbewegungen des Trägers die Feder selbstständig aufzieht. Eine sogenannte Rutschkupplung sorgt dafür, dass die Feder nicht überdreht, wenn die Uhr vollständig aufgezogen wird. Für Sammler, die es sehr genau nehmen, gibt es Uhrenbeweger, die die Uhr wie eine kleine Wiege in Bewegung halten, damit gerade bei alten Uhren die Schmierschicht des Öls nicht abreißt. Wer den SUV Bentayga von Bentley kauft, kann für die abnehmbare Borduhr von Breitling als Option eine Wiege bestellen – ein Nice-to-have im Gegenwert eines Kleinwagens.

Handaufzug – manche Puristen schwören darauf, ihre mechanische Uhr mithilfe der Krone selbst aufzuziehen, denn mit diesem Ritual zelebrieren sie auch das emotionale Verhältnis zum kleinen Meisterstück. Allerdings sollte man die Krone nicht überdrehen und, anders als bei einer Automatikuhr, die Gangreserve nicht vergessen – sprich die Zeit, die das aufgezogene Werk braucht, um komplett abzulaufen

Komplikation – wie der Begriff vermuten lässt, sind diese Uhren tickende Genies, in deren Uhrwerk nicht nur die klassischen Einheiten der Zeit von der Sekunde bis zur Stunde verbaut sind. Auch Datumsanzeigen, Mondphasen, Zeitzonenanzeigen, ewiger Kalender, Repetitionen mit eingebautem kleinen Schlagwerk oder der Rattrapante – der erste stammte übrigens von Patek Philippe – mit einem zweiten Sekundenzeiger für Zwischenzeiten stecken im Gehäuse. Auf kleinstem Raum neue Lösungen für diese zusätzlichen Funktionen zu entwickeln ist die Kunst ambitionierter Manufakturen und Uhrmachermeister und erhöht entsprechend den Wert des Zeitmessers, der sich dann auch Grande Complication nennen darf. 

Unruh – bei mechanischen Uhren mit einer transparenten Rückseite kann man dieses winzige Planetensystem aus Spiralen und Schwingen als Herzstück beobachten, das der Genauigkeit dient und quasi den Takt der Uhr beim Messen der vergehenden Zeit vorgibt. Dieses System bewirkt im weitesten Sinne einen Ausgleich zwischen der Schwungmasse im Werk und dem Trägheitsmoment. Man kann sich das wie bei einem Automotor vorstellen: Die Zylinder müssen so gelagert sein, dass die Bewegung der Kolben und des Pleuels als Verbindung zwischen Kolben und Kurbelwelle nicht für Unruhe im Motorraum und schädliche Vibrationen sorgt.

Kaliber – ähnlich wie bei Schusswaffen kann man mit dem Kaliber der Uhr die Baureihe des Uhrwerks oder den Durchmesser des Uhrwerks kennzeichnen. So wie Oldtimer-Enthusiasten beim berühmten Mercedes-Benz 300 SL mit Flügeltüren die interne Bezeichnung W 198 verwenden, wissen Uhrenliebhaber, dass mit Kaliber 13", Ref. 2499 ein legendäres Uhrwerk von Patek Philippe gemeint ist. Die auf dem Gehäuse eingravierte Referenz steht für das konkrete Modell, verweist auf ihre Echtheit und erlaubt die Datierung. Viele Uhrwerke stammen heute übrigens von dem Schweizer Spezialisten ETA. Für Marken wie beispielsweise Rolex, Girard-Perregaux oder A. Lange & Söhne zählt es zum Renommee, auf Komponenten oder Bausätze des Marktführers zugunsten eigener, aber kostspieliger Entwicklungen zu verzichten.

Ein Beitrag von Alexandra Felts

Traumhafte Objekte und kompetente Experten finden