Herr Hellinger, 2019 feiert Ihr Unternehmen sein zehnjähriges Bestehen. War es damals ein gewagter Sprung in die Selbstständigkeit?

Vor der Gründung von Inventio war ich in leitender Position bei einem großen Bauträger tätig. Ich war 38 Jahre alt und hatte im Prinzip fast alles, was den Wertschöpfungsprozess einer Immobilie definiert, durchlaufen: Als Gutachter habe ich Bautenstände und Immobilien bewertet, als Berater Einzelimmobilien und Investments sowohl an private wie auch an institutionelle Investoren verkauft, ich habe einen Vertrieb geleitet und letztendlich als Geschäftsführer eines international tätigen Bauträgers das Deutschlandgeschäft verantwortet. Aus heutiger Sicht war der Schritt richtig, aber damals fand die Gründung gerade einmal ein halbes Jahr nach der Pleite von Lehman Brothers statt und keiner wusste, welche Auswirkungen uns noch erwarten würden. Seit zehn Jahren geht es kontinuierlich nach oben, unser Projektvolumen umfasst heute 50 bis 75 Millionen Euro pro Jahr.

Porträt Tilo Hellinger Inventio

Tilo Hellinger, der Gründer der Inventio Projectpartner GmbH.

»IN-Tower« Inventio

Der »IN-Tower« in Ingostadt mit 16 Etagen nach seiner Fertigstellung.

Gerade wurde der beeindruckende »IN-Tower« in Ingolstadt mit 16 Etagen realisiert. Frage an den Insider: Warum wird in München immer noch nicht hoch gebaut?

Die Türme der Münchener Frauenkirche als Wahrzeichen ragen 99 Meter in die Höhe. 2004 wurde per Bürgerentscheid beschlossen, dass andere Gebäude nicht höher sein dürfen, um das Stadtbild nicht zu stören. Es gibt vonseiten der Entwickler immer wieder Anfragen und Bemühungen, diese Festlegung aufzubrechen, doch es bleibt eine politische Frage. Hinzu kommt, dass München einer der wenigen Standorte ist, wo Bauträger pro neu geschaffener Wohnung noch einen Stellplatz zur Verfügung stellen müssen. Das ist enorm aufwendig und schon lange nicht mehr zeitgemäß; in Berlin gibt es beispielsweise diese Verpflichtung nicht mehr. Wir haben viele Projekte außerhalb Münchens, bei denen wir nur noch für jede zweite Wohnung einen Platz vorsehen. Daran erkennt man, dass sich der Zeitgeist verändert: Man nutzt den öffentlichen Nahverkehr, Carsharing oder andere Möglichkeiten – auch, weil das Auto nicht mehr als Statussymbol gilt.

Was man an aktueller Wohnbauarchitektur zu Gesicht bekommt, wirkt doch oft beliebig und enttäuschend. An den Projekten von Inventio sieht man, dass sich ästhetischer Anspruch und Marktvorgaben nicht gegenseitig ausschließen müssen. Ihr Rezept?

Da sind wir mit Herzblut unterwegs. In München herrscht eine so hohe Nachfrage, dass es gefühlt keine Notwendigkeit gibt, besonders innovativ zu sein. Im Grunde wird nahezu alles verkauft, was angeboten wird. Dabei macht der ästhetische Anspruch das Vorhaben nicht zwingend teurer. Das ist oft eine Schutzbehauptung. Es gibt einen Weg, der zwischen abgehobenem und rein pragmatischem Bauen liegt. Und es gibt durchaus auch Unternehmen, die einen höheren Anspruch stellen, wie Euroboden, 6B47 oder beispielsweise die Optima-Ägidius-Firmengruppe, mit der wir bei den »Opernlofts« in Berlin oder bei den »Nymphenburger Höfen« in München zusammengearbeitet haben. Viele Bauträger betonen immer wieder, es gehe darum, möglichst schnell den Bedarf nach Wohnraum zu erfüllen, und deswegen bleibe keine Zeit für die Entstehung des Besonderen. Ich kann diese Argumente zumindest teilweise nachvollziehen, aber die Wohnungsbauvorhaben prägen das Stadtbild und ich würde mir an dieser Stelle oft mehr Verantwortungsbewusstsein wünschen – schließlich werden die Bauten von heute vermutlich die nächsten 100 Jahre weitestgehend unverändert existieren. 

»Nymphenburger Höfe« Inventio

Bei den »Nymphenburger Höfe« hat Inventio mit der Optima-Ägidius-Firmengruppe in München zusammengearbeitet.

Diese Philosophie setzt Inventio aktuell bei »Will Nº16« am Münchener Isarhochufer um. Erzählen Sie uns davon.

Auf einem 9.000 Quadratmeter großen Parkgrundstück entstehen fünf exklusive Villen mit lediglich 28 Wohnungen. Wir haben im Vorfeld eine Zielgruppen- und Wettbewerbsanalyse erstellt. So kennen wir bereits vor Planungsbeginn das Profil der potenziellen Käufer und deren Vorstellungen bezüglich Wohnungsgrößen, Grundrissen, Ausstattung und Architektur. Bei Will Nº16 haben wir das Glück, dass wir mit 6B47 Germany auf einen Bauherren und Partner treffen, der ebenfalls einen hohen Anspruch an Architektur und Gestaltung hat. Will Nº16 ist das Ergebnis eines gut besetzten Architektenwettbewerbs, den der Bauherr ausgelobt hat. Das renommierte Büro blocher partners aus Stuttgart hat einen visionären Entwurf vorgelegt und dafür den Zuschlag erhalten. 6B47 beweist damit, dass sich innovative Konzepte durchaus erfolgreich realisieren lassen.

»Will Nº 16« Inventio

Bei dem »Will Nº 16« Projekt entstehen fünf Villen auf einem 9.000 Quadratmeter großen Parkgrundstück in München.

Wie haben sich auf der anderen Seite die Ansprüche der Kunden verändert?

Der Anspruch in Bezug auf die Anzahl der Quadratmeter pro Person ist seit dem Zweiten Weltkrieg kontinuierlich gestiegen. Aber dieser Trend kommt jetzt zum Erliegen – auch die exklusiven Wohnungen werden kleiner. In Villenlagen wie bei den Projekten Will N°16 in München oder »oe« in Berlin-Grunewald ist das anders, dort werden nach wie vor deutlich größere Wohnungen realisiert. Bei urbanen Lagen im High-End-Segment ist der Preis oftmals nicht das entscheidende Kriterium. Hier geht es eher darum, ob sich die Erwartungen der Wohnungskäufer erfüllen lassen. Neben Lage, Architektur und Ausstattung rücken dabei die Gebäudeautomatisierung mit Smart-Home-Konzepten sowie Ladestationen für die zunehmende Elektromobilität mehr und mehr in den Fokus. Der Concierge-Service als zusätzliches Angebot ist noch nicht etabliert. Eine Betreuung rund um die Uhr – das kostet Geld, was in Deutschland als Bestandteil der Nebenkosten noch nicht akzeptiert wird. Was aber inzwischen häufiger nachgefragt wird, ist der Smart Concierge on demand. 

»Will Nº 16« Inventio

»Will Nº 16« ist das Ergebnis eines gut besetzten Architektenwettbewerbs.

»oe« Immobilie Inventio

Bei dem »oe« Projekt werden auf einem parkähnlichen Grundstück sechs zeitgemäße und höchst individuelle Wohneinheiten gebaut.

Welches Projekt haben Sie in der Pipeline, das Ihnen besonders am Herzen liegt? 

Ein vergleichsweise kleines Projekt, das wir aber sehr spannend finden, ist »oe« in der Koenigsallee in Berlin-Grunewald. Auf einem ca. 4.500 Quadratmeter großen Villengrundstück entsteht in unmittelbarer Nachbarschaft einer aufwendig sanierten historischen Villa und im Auftrag der brixx projektentwicklung als Bauherr eine puristische Architektur. Das Büro Axthelm Rolvien hat ein Gebäude entworfen, das innovativ, spektakulär und erlesen zugleich ist. Auf einem parkähnlichen Grundstück werden sechs zeitgemäße und höchst individuelle Wohneinheiten gebaut, die einen Kontrast zur historischen Gebäudesubstanz in der Nachbarschaft darstellen. Jede Wohnung ist ein Unikat, was man an der äußeren Hülle aus Metall und Glas ablesen kann – etwas ganz Neues für Grunewald, wo zurzeit auch viel Klassisches gebaut wird. 

»oe« Immobilie Inventio

Die »oe« Villa ist ein Unikat, was man an der äußeren Hülle aus Metall und Glas ablesen kann – etwas ganz Neues für Grunewald.

Das Leben wird mobiler, neue Lösungen müssen gefunden werden – welche Herausforderungen sehen Sie für die Zukunft?

Die Themen Smart Living, E-Mobilität und Carsharing werden immer wichtiger, aber die Lösungen müssen für den Kunden pragmatischer werden. Noch sind sie oft fehleranfällig und nicht intuitiv genug. Nachhaltigkeit! Wir müssen mit Ressourcen bewusster und vorsichtiger umgehen. Man kann es sich kaum vorstellen, aber Sand wird knapp – da wird die Bauindustrie gefragt sein, Alternativen zu entwickeln. Neben der Renaissance der Holzbauweise sehe ich auch innovative Ansätze bei der vorgefertigten Bauweise. Damit besitzen Bauträger auch die Möglichkeit, direkt an die Baustelle liefern und vor Ort aufbauen zu lassen. Die neuesten Systeme haben geringste Maßtoleranzen und reduzieren die Anfälligkeiten und Kosten einer herkömmlichen Baustelle beispielsweise durch die reduzierte Abhängigkeit von der Witterung. 

Berliner Loft Inventio

Smart Living, E-Mobilität und Carsharing werden immer wichtiger in Sachen Wohnungsbau.

Wenn Sie sich in Ihrem Metier etwas wünschen dürften, was wäre es?

Architektonische Qualität muss viel stärker ins Bewusstsein rücken. Ich wünsche mir, dass mehr Marktteilnehmer einen Sinn für die Ästhetik des Gebauten entwickeln. Vor diesem Hintergrund wünsche ich mir mehr mutige und innovative Projektentwickler, Partner und Auftraggeber. Am Ende des Tages tragen die Projekte zum urbanen Gesamtbild der Städte bei und dokumentieren damit unsere Haltung zu den genannten Themen.  

Spreelofts Berlin Inventio

Sinn für die Ästhetik des Gebauten muss mehr in den Fokus rücken.

Hier finden Sie weitere Property Talk-Artikel über 
Engel & Völkers und Duken & von Wangenheim?

Ein Beitrag von Alexandra Felts

Zum Expertenprofil von INVENTIO Projectpartner

Traumhafte Objekte und kompetente Experten finden