Idyllisches Oberbayern, südlich von München: In Ebenhausen entstehen in einer alten Schmiede zeitgemäße Metallarbeiten. Rüdiger Lüst hat die Werkstatt im Jahr 2000 übernommen. Sie ist Teil eines Bauernhauses, dessen Mauern sich auf das Jahr 1468 zurückdatieren lassen. Das Handwerk selbst ist sehr viel älter. Schon 6000 vor Christus bearbeiteten Menschen Metalle, um Werkzeuge und Waffen herzustellen. Der Schmied war stets angesehen und bildete das Zentrum des Dorfes – bis vor 300 Jahren das Handwerk zum Stillstand kam. Das wollte Rüdiger Lüst ändern. Zusammen mit seinen vier Mitarbeitern gibt er der Schmiedekunst Feinheit und Raffinesse zurück, transformiert sie ins Heute. Neuerdings entwirft er Designobjekte und Möbel, die in riesigen Trucks vom bayerischen Dorf nach London, Paris oder Palma geliefert werden.

Porträt Rüdiger Lüst

Seit Januar 2013 wird die Kunstschmiede von Rüdiger Lüst unter dem Namen Lüst Metallgestaltung geführt.

Hephaistos war der einzige Handwerker im Olymp. Ist das Schmieden die Königsdisziplin unter den Gewerken?

Im Metallbereich ist es sicherlich die vielseitigste Art der Formgebung. Früher war der Schmied extrem angesehen. Er stellte Waffen her, Werkzeuge, war immer der Mittelpunkt im Dorf. Aber wenn man bedenkt, was Michelangelo aus Stein geschaffen hat, wäre es wohl vermessen, die Schmiedekunst über alles zu stellen.

Konsole Schmiedebronze Lüst Metallgestaltung

Bei der Schmiedebronzekonsole wurde die Struktur per Hand hineingehämmert.

Tischbein gebogen Lüst Metallgestaltung

Rüdiger Lüsts neueste Leidenschaft ist das Möbeldesign.

Später kam der Barock – und mit ihm all die verschnörkelten Formen, für die das Handwerk in Verruf geraten ist ...

Leider hat es sich seit der Zeit nicht mehr weiterentwickelt. Heute sind diese ganzen Schnecken nur noch industrielle Fertigprodukte aus dem Ausland. Alles sieht gleich aus: jedes Gartentor, jeder Zaun, jedes Gitter am Fenster. Das hat mit Schmiedekunst überhaupt nichts zu tun! Ich wollte von Anfang an Formen schaffen, die modern sind und zur zeitgenössischen Architektur passen.

Sie haben in Gauting bei München Abitur gemacht. Keine typische Voraussetzung für einen Handwerkerberuf.

Eigentlich wollte ich Industriedesign studieren – das war mir aber zu eintönig. Metall hat mir immer gefallen. Dann hörte ich, dass die Kunstschmiede Bergmeister in Ebersberg noch einen Lehrling sucht. Bergmeister ist so etwas wie der Ferrari in unserer Zunft. Das hat mich absolut gereizt. Und ich wurde auf Anhieb genommen – obwohl ich allein schon altersmäßig aus der Reihe tanzte. Die haben einfach gespürt, wie gern ich das machen wollte. Was ich dort lernen durfte, war Metallverarbeitung auf höchstem Niveau. Wir haben sehr viel in Schmiedebronze gearbeitet – da traut sich ja nicht jeder ran, weil es heikel zu verarbeiten ist. Bergmeister war einer der Ersten. Vor zehn Jahren war es total verpönt, Messing zu verarbeiten. Mittlerweile hat es ein richtiges Revival erlebt.

Hammer Kunstschmiede Rüdiger Lüst

Individualität zeichnet die Schmiedekunst aus.

Werkzeug Kunstschmiede Rüdiger Lüst

Der Schmiedeprozess ist in erster Linie Technik.

Was fasziniert Sie an Ihrem Beruf?

Das Ursprüngliche, das Umformen mithilfe des Feuers. Das Material so zu bearbeiten, wie ich es mir vorstelle. Es ist ein tolles Gefühl, das, was man zeichnet und entwirft, auch umsetzen zu können. Bei uns ist ja jedes Stück ein Unikat. Der Vorgang selbst ist deshalb oft heikel, weil man das heiße Eisen nur eine gewisse Zeit mit den passenden Werkzeugen bearbeiten kann. Es lässt sich ja nicht kneten. Das Ergebnis ist etwas Schönes, das ich dann in den Händen halten kann.

Werkezugzangen Kunstschmiede Lüst Metallgestaltung

In der Kunstschmiede treffen alte Handwerkstechniken auf moderne Fertigungsmethoden.

Mittlerweile arbeiten Sie für den Münchner Juwelier Hemmerle. Wie kam es dazu?

Christof Jenauth und ich haben 2000 die Werkstatt hier in Ebenhausen übernommen. (Jenauth ist inzwischen ausgestiegen, Anm. d. Red.) Uns ging es immer um die Form, die Struktur, die Haptik und die Oberflächen. Die Architekten suchen Leute, die mitdenken und etwas Besonderes machen können. Über eine Münchner Interior Designerin entstand der Kontakt zu Hemmerle. Das war vor zehn Jahren. Wir passten von Anfang an gut zusammen. Hemmerle ist für mich ohne Worte. Allerfeinste Handwerkskunst, jedes Stück in München gearbeitet. Nach und nach habe ich für den Münchner Laden Vitrinen, große Blumengefäße, Buchstützen, Stiftschalen und Kerzendosen aus Bronze gefertigt. 

Rundspiegel Juwelier Hemmerle Lüst Metallgestaltung

Durch eine Münchner Interior Designerin kam Lüst mit dem Juwelier Hemmerle in Kontakt und entwarf für den Laden unter anderem Vitrinen, Spiegel und Kerzendosen.

Und dann kam Louboutin?

Ja, genau. Bei Louboutin werden die Läden von unterschiedlichen Architekten entworfen. Tarek Shamma, ein junger und sehr erfolgreicher Londoner Architekt, hatte meine Arbeiten bei Hemmerle entdeckt. Er wollte, dass ich für den Laden in Brüssel Schnecken aus Messing entwickle. Dann kamen noch Gitter, Vitrinen, Tische und Spiegel dazu. Der Laden wurde 2013 eröffnet und kam ziemlich gut an.

Louboutin Store Interior Lüst Metallgestaltung

Der Louboutin Store in Luxemburg.

Louboutin Schuhständer Lüst Metallgestaltung

Für Louboutin Luxemburg fertigte Lüst unter anderem schneckenförmige Ausstellungsstücke.

Mit normalem Ladenbau hat das ja nicht mehr viel zu tun ...

(lacht) Unsere Arbeiten sind schon auf einem Niveau, dass die erst einmal geschluckt haben, weil entsprechend viele Stunden zusammengekommen sind. Aber bei Louboutin haben sie auch gesehen, dass Brüssel viel extravaganter geworden ist als der Laden in Paris. Der ist ja eher schrullig. Inzwischen haben wir mit Luxemburg, München, Prag und Genf nachgelegt. Mit Tarek Shamma hat sich eine enge Zusammenarbeit entwickelt und wir realisieren viele Objekte für Privatkunden in London.

Woran erkennt man als Laie eine solide Schmiedearbeit?

Pauschal gesagt daran, dass etwas nicht zusammengeschweißt wird, sondern eine gute Form hat und keinesfalls klotzig wirkt. Am Ende muss es filigran aussehen und die Proportionen müssen stimmen. Das beste Beispiel sind Grabkreuze: Wenn man sich die alten ansieht, erkennt man, dass sie sehr fein und dünn gemacht und ausgeschmiedet sind. Für uns sind die verschiedenen Oberflächen wichtig – und wie sie sich anfühlen.

Als Schmied stellt man sich ja immer einen kräftigen Kerl vor. Gibt es bei Ihnen auch Frauen?

Natürlich gibt es Frauen oder auch ganz schmächtige Männer, denen Sie diesen Beruf nie zutrauen würden. Der Schmiedeprozess hat weniger mit Kraft zu tun, das Umformen ist in erster Linie Technik. Trotzdem sind natürlich die Materialien, das Eisen, schwer. Wir haben gerade einen Tisch für eine Villa auf Mallorca geschmiedet, der wiegt an die 300 Kilo – und dann kommt da noch die Steinplatte obendrauf. Sie ruht auf handgeschmiedeten Ringen, von denen einer allein um die 80 Kilo auf die Waage bringt. 

Dinning Table Lüst Metallgestaltung

Bei Rüdiger Lüst ist jedes Stück ein Unikat. Der Dining Table wurde aus dem Material Tombak gefertigt.

Von wem stammt der Entwurf?

Mittlerweile entwerfe ich viele Möbel selbst. Meist hat der Auftraggeber ungefähre Vorstellungen, war zum Beispiel auf der Art Basel und hat dort etwas gesehen. Dann beginnt meine Arbeit am Computer. Ich baue Modelle, damit der Kunde sich vorstellen kann, wie es am Ende aussehen wird. Ich bin im Münchner Showroom Remade Interior bei Victoria Woelpl und Alexandra Borlein mit meinen Möbeln vertreten. Den Bereich Möbel- und Interior Design möchte ich künftig gerne ausbauen.

Der Schmied mitten im Dorf – ist das bald Geschichte?

Keine Frage, wir stoßen hier absolut an unsere Grenzen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, in einem anonymen Gewerbegebiet zu arbeiten. Manchmal kommen Leute mit einem abgebrochenen Pfannenstiel vorbei und denken, das kann der Lüst schnell mal reparieren. Auch wenn »schnell mal« nicht eben schnell mal ist, möchte ich für diese Leute da sein.

Rüdiger Lüst Kunstschmiede

Die Kunstschmiede wurde im Jahr 2000 in einer alten Schmiede in Schäftlarn, 20 Kilometer südlich von München, gegründet.

Treppengeländer Interior Lüst Metallgestaltung

Zum Repertoire von Lüst Metallgestaltung gehören auch Treppen und Treppengeländer. 

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Ein Beitrag von Tatjana Seel

Copyrights der Bilder
Lüst Metallgestaltung

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