Picasso hatte einen im Atelier, Lenin träumte auf einem von der Weltrevolution und Einstein dachte beim Geigenspiel auf einem Bugholzstuhl von Thonet über die Gesetze des Universums nach. Fehlte der Wiener Kaffeehauskultur nicht das gewisse Etwas, ohne dieses allgegenwärtige Gestühl, das zusammen mit dem braunen Elixier in der Tasse kühnen Ideen Flügel verlieh? Selten, wenn überhaupt, hat ein Möbel derart Verantwortung getragen – wenn man von dem einen oder anderen Thron mal absieht. Selten auch, dass Markenqualität und Massenproduktion sich so erfolgreich vermählten. Im Jahr 2019 blickt das Unternehmen aber nicht allein auf die eigenen 200 Jahre zurück. Das Bauhaus, das ebenfalls Designklassiker hervorbrachte, würde jetzt 100 Jahre alt. Dessen Beitrag zur innovativen Sitzkultur waren die Freischwinger aus Stahlrohr – von Thonet hergestellt und nicht weniger stilbildend.

Design Thonet Wien Cafe

Der »Wiener Kaffeehausstuhl«.

Lange musste Michael Thonet in seiner 1819 gegründeten Werkstatt in Boppard experimentieren, ehe es dem Tischler gelang, massives Buchenholz zu biegen. Sein Gedanke, ein robustes, kostengünstiges Möbel industriell fertigen zu können, war zu seiner Zeit revolutionär. Noch wurde die Zunft von Unikaten geprägt, die sich nur wenige leisten konnten. Dass es ausgerechnet der als Gegner demokratischen Aufbegehrens verschriene Fürst Metternich war, der das Potenzial der Idee erkannte und den Tischler nach Wien holte und förderte, ist eine Ironie der Designgeschichte. Mit dem schlicht Nr. 14 genannten Modell, das als »Wiener Kaffeehausstuhl« Weltruhm erlangte, begann der Aufstieg des Unternehmens Thonet. Es folgte unter anderem ein Schaukelstuhl, und auch Stuhl Nr. 209 mit seinen geschwungenen Armlehnen, der für den visionären Architekten Le Corbusier »archaische Präsenz« besaß, avancierte zum Klassiker mit globalem Wiedererkennungswert. 

Design Thonet Werkstatt Holz

In der Produktion von Thonet.

Design Thonet Holz gebogen

Das gebogene Holz für die Bugholzproduktion.

Thonet Design Sebastian Herkner

Kollektion von Sebastian Herkner für Thonet.

Vielleicht ist ein nicht unwichtiger Aspekt einer Ikone wie dieser, die längst ihren Platz in Museen, Palais, Cafés und Privatwohnungen beansprucht, dass sie nicht zwingend auf sich aufmerksam machen muss. Und doch begegnet man dem bescheidenen Möbel wie einem alten Vertrauten, den man nicht missen möchte. Der Urstuhl Nr. 14 heißt heute übrigens Nr. 214; er wurde ebenfalls millionenfach in vielen Varianten produziert und passte sich ohne großes Aufhebens an die unterschiedlichsten Lebensräume an. Die Welt nimmt hier Platz, fühlt sich wohl und wendet sich sitzend den wirklich wichtigen Dingen des Lebens zu. Aber Michael Thonet schuf nicht nur mit seiner speziellen Biegeholztechnik den Überklassiker. Genauso innovativ war auch der Herstellungsansatz, der bis heute gilt: sechs Teile, zehn Schrauben und zwei Muttern. In Einzelteile für Kisten platzsparend zerlegt, wusste Thonet schon in den 1860ern, einen USP für den Schiffstransport in die Märkte jenseits Europas zu nutzen. 

Design Thonet Modell 214 Einzelteile

Das Thonet Modell 214 in seinen Einzelteilen.

Design Thonet Modell 209

Das Thonet Modell 209.

Design Thonet Modell 214

Das Thonet Modell 214.

Doch die Erben Michael Thonets ruhten sich nicht auf dem Erfolg des gekrümmten Holzes aus. Als Pioniere der industriellen Möbelfertigung wirkt es im Nachhinein wie ein logischer nächster Schritt, dass sie auch in den 1930er Jahren die Entwürfe der avantgardistischen Designer des Bauhauses realisierten. Stilmeister aus Dessau wie Mart Stam, Ludwig Mies van der Rohe oder Marcel Breuer hatten als Signum der Moderne den Freischwinger, einen Kragstuhl ohne Hinterbeine aus kalt geformtem Stahlrohr entwickelt. Thonet erkannte die Zukunft dieses Konzepts, erwarb sich die Expertise im Umgang mit diesem völlig neuen Werkstoff und sorgte dafür, dass auch diese funktionalen und reduziert eleganten Schöpfungen großen Anklang fanden. Mit dem 100. Geburtstag des Bauhauses wird nicht nur diese immer noch nachhaltig wirkende Designschule gefeiert, sondern auch Thonets Beitrag zu den Must-haves der klassischen Moderne wie der S 285 von Marcel Breuer oder der S 533 F von Mies van der Rohe. 

Design Thonet s533 Modell

Das Modell S 533 F von Mies van der Rohe.

Design Thonet erster Entwurf

Der erste Entwurf von Marcel Breuer.

Diese Tradition der engen Kooperation mit namhaften Designern wird von Michael Thonets Nachfahren in der nunmehr fünften und sechsten Generation, in der sie als Gesellschafter des Unternehmens fungieren, weitergeführt. Es gab preisgekrönte Kooperationen mit Egon Eiermann, Verner Panton, Norman Foster, Hadi Teherani und Stefan Diez, um nur einige zu nennen, deren Entwürfe von der traditionsreichen Produktionsstätte im hessischen Frankenberg an der Eder umgesetzt wurden. 

Design Thonet historisch Leaflet

Historisches Leaflet von Thonet.

Design Thonet historisch 1931

Thonet Reklame von 1931.

Wenn man mit Bugholz und Stahlrohr Industrie- und Designgeschichte geschrieben hat und der gewachsenen Identität der Marke dabei auch immer treu geblieben ist, dann kann man sich auch den Luxus erlauben, die Inkunabeln der hauseigenen Sammlung neu zu interpretieren – wie beispielsweise eben jenen S 533 F von Mies van der Rohe zum Bauhaus-Jubiläum. Das Hamburger Studio Besau-Marguerre kleidete den Entwurf von 1927 in einer limitierten Edition neu ein. Die zwei neuen Varianten des schwingenden Evergreens bieten wahlweise ein Gestell in Perlglanzchrom mit anthrazitfarbenem Leder oder in Champagnerchrom mit roséfarbenem Leder. Passt das zur Schwarz-Weiß-Chrom-Ästhetik der legendären Schule? Und wie! Entgegen dem weitverbreiteten Urteil war das Bauhaus nämlich viel bunter, als Puristen meinen.

Design Thonet s 533 F Modell

Die zwei neuen Varianten des schwingenden Evergreens bieten wahlweise ein Gestell in Perlglanzchrom mit anthrazitfarbenem Leder oder in Champagnerchrom mit roséfarbenem Leder.

Ein Beitrag von Alexandra Felts

Copyrights der Bilder
Thonet

Traumhafte Objekte und kompetente Experten finden