Daniel Heer nimmt eine Monopolstellung ein. Während rechts und links von ihm die Matratzen-Start-ups nur so aus dem Boden schießen, fertigt er ganz unaufgeregt in einer Schöneberger Werkstattwohnung die edelste aller Varianten: die Rosshaarmatratze – von Hand genäht und modelliert aus den Schweifen von 43 Rössern. Und er weiß genau, was er da tut. Schon sein Schweizer Urgroßvater hatte eine Sattlerei und fertigte die Matratzen von Hand – die Rosshaarmatratze wurde Daniel Heer sozusagen in die Wiege gelegt. 

 Daniel Herr Rosshaar Verarbeitung in Handarbeit

Zum Testen können die potenziellen Kunden eine Übernachtung buchen und je nach Schlafgewohnheit zwischen einer weichen Matratze aus dem Haar der Mähne oder einer festeren aus Schweifhaar wählen.

Erzählen Sie uns etwas über Ihre Matratzen.
Was ist das Besondere an ihnen?


Rosshaarmatratzen stehen für Zeit und Ruhe, und zwar nicht erst, wenn man darauf schläft, sondern bereits in der Fertigung. Ich baue jede einzelne Matratze von Hand nach Maß – es ist das einzige Werkstück, das konsequent seit vier Generationen in meiner Familie hergestellt wird. Die Füllung besteht zu 100 Prozent aus reinem Pferdeschweifhaar. Der große Vorteil des Materials ist, dass es einen sehr hohen Feuchtigkeitsausgleich ermöglicht und somit beim Nachtschlaf das Schwitzen reguliert. Es gleicht Temperaturen aus, ist atmungsaktiv und hat eine große Stützkraft. Auf Rosshaar zu liegen gibt das Gefühl, getragen zu werden.

Daniel Heer in seiner Werkstatt bei der Herstellung von einer Rosshaarmatratze
firstliving Experte Daniel Heer in seiner Werkstatt bei Herstellung von Rosshaar Matratze

Können Sie uns den Herstellungsprozess beschreiben?

Ich bekomme die Rosshaarzöpfe aus der Schweiz geliefert. Sie sind gedreht, wodurch sie Volumen haben. Ich lockere das Haar auf, schichte es Lage für Lage aufeinander und modelliere es. Das Ganze wird dann in einen Bezugsstoff eingeschlagen, mit Nadeln zusammengeheftet und mit dem Sattlerstich zugenäht. Abhefter fixieren die beiden Seiten der Matratze und geben ihr die finale, typisch gesteppte Form. Durch die spiralförmige Faser ist das Material besonders luftdurchlässig. In den arabischen Ländern sind die Matratzen aus Baumwolle, da kommt einmal im Jahr jemand und klopft sie auf. Bei den Rosshaarmatratzen ist das erst alle 25 Jahre nötig.

Daniel Heer in seiner Werkstatt beim Naehen von einer Rosshaarmatratze

Wie ist Ihre Firma entstanden?

Mein Urgroßvater hat die Sattlerei Heer 1907 in Luzern gegründet. Als Kind fand ich es ganz toll dort. Dann gibt es eine Phase, da will man weg – und dann gibt es wiederum eine Phase im Exil, im Ausland, in der man sich ganz stark auf seine Wurzeln beruft. Das Schöne an meinem Beruf ist, dass ich ihn wirklich überall ausüben kann. Alles, was ich brauche, sind Nadel, Faden, einen Sack Rosshaar und Stoff. Von meinem Großvater habe ich ein Bild hier in der Werkstatt hängen. Es ist ein altes Porträt, gemalt von einem zeitgenössischen Berliner Maler. Es hat diesen Twist: Es wirkt alt, aber es hat gleichzeitig etwas Zeitgenössisches. Das steht symbolisch für meine Arbeit, bei der ich versuche, ein altes Handwerk in einen modernen Kontext zu stellen.

Rosshaarmatratze mit Bezug handgfertigt von Daniel Herr


 

Wie wichtig ist Zeitgeist für Ihre Firma?

Dass das Handwerk jetzt wieder so hoch im Kurs steht, ist eine Zeiterscheinung. Oftmals wird die Herstellungsweise immer mehr zum Lifestyle, zum Werbeslogan. Meine Familie hat nie Werbung gemacht, das war gar nicht nötig. Wenn man eine Matratze brauchte, ging man im Dorf in die Sattlerei Heer, das war klar. Nebenan beim Schmied hat man das Pferd abgegeben und dann hat man noch in der Dorfkneipe, dem Rössli, etwas getrunken. Es gab früher nicht die Auswahl, da hat man einmal im Leben in eine gute Matratze investiert. Diese nachhaltige Herangehensweise kommt ja gerade wieder zurück, und das kommt mir natürlich zugute.

Rosshaarmatratze von Daniel Herr im Store Andreas Murkudis

Gibt es spezielle Projekte, auf die Sie besonders stolz sind?

Ich habe dieses Jahr einen Workshop mit Flüchtlingen zusammen gemacht, das Projekt »matrah«. Dabei sind Matratzen aus syrischen Stoffen entstanden; jeder Flüchtling hat eine Matratze gefertigt. Das Charity-Projekt war eine einmalige Geschichte, ich wollte aber nicht, dass es dabei bleibt. So habe ich den syrischen Schneider Mohamad aus Damaskus jetzt fest eingestellt – für mich die Möglichkeit, das Gute mit dem Nützlichen zu verbinden. Es zeigt, wie Integration im Kleinsten funktioniert: Es geht um einen Mitarbeiter, um eine Festanstellung, um einen Menschen. Über ein sehr altes Produkt kann ich mich so den aktuellen Fragen der Zeit stellen. Auf einmal geht es eben nicht mehr nur um Form und Schönheit, sondern auch um eine politische Haltung.

firstliving Experte Daniel Heer Herstellung Rosshaar Matratze in Handarbeit
Portrait Daniel Heer
Rosshaar Matratze mit Bezug

Sind Ihre Produkte Luxusartikel?

Natürlich selektiert der Preis meine Kunden. Für mich selbst ist es nach wie vor eine spannende Frage, wie es dazu kam, dass ein Alltagsgegenstand wie die Rosshaarmatratze zum Luxusprodukt wurde. Denn früher hatte jeder eine Stroh- oder Rosshaarmatratze, und die hatte man dann eben sein ganzes Leben lang. Bei meinen heutigen Matratzen geht es allerdings zum Teil schon in Richtung Couture, besonders bei speziellen Anfertigungen mit Hirschleder oder Kaschmirgewebe. Gerade erst haben wir ein Einzelstück für eine Kundin in New York gefertigt.

»Der Luxus des Handwerks hat aber auch Limitationen: Ich kann zum Beispiel nur Matratzen in der Breite meiner Armlängen anfertigen. Matratzen für Kingsize-Betten kann ich nicht bauen – das muss man einem amerikanischen Kunden erst mal erklären.«
Ein Beitrag von Katharina Schwarze

Zum Expertenprofil von Daniel Heer

Traumhafte Objekte und kompetente Experten finden