Berlin, deine Kaufhäuser

Architektur, Shopping

Keine deutsche Stadt hat mehr Einkaufszentren als Berlin. Und immer kommen neue dazu. Trotz Online-Konkurrenz erfreut sich der Einkaufsbummel bei Bewohnern und Touristen ungebrochener Beliebtheit.

Im KaDeWe tut sich was

Wer sich im Berliner Einzelhandel gegen immer neue Shoppingcenter und die Internet-Versandhändler behaupten will, darf nicht auf der Stelle treten. Dies gilt sogar für das berühmte KaDeWe am Wittenbergplatz, das mit 60 000 Quadratmetern Verkaufsfläche das zweitgrößte Warenhaus Europas nach Harrods in London ist: 180 Millionen Euro werden in eine sechsjährige Neugestaltung im laufenden Betrieb investiert, angekündigt sind vor allem mehr „Erlebnis“ und „Unterhaltung“. In der ersten und zweiten Etage des KaDeWe begannen die Arbeiten im April 2016.

Seit Mitte 2015 gehört das Kaufhaus mehrheitlich der italienischen Handelskette La Rinascente, beziehungsweise deren thailändischer Mutterfirma Central Group. 40,9 Prozent der Anteile hält die österreichische Signa Holding des Karstadt-Eigentümers René Benko. Unter der Leitung des niederländischen Architekten Rem Koolhaas entstehen nun vier Bereiche für verschiedene Kundengruppen. In den vier „Welten“, wie das KaDeWe sie nennt, sollen sich sowohl das Sortiment als auch die Inneneinrichtung unterscheiden. Geplant sind separate Eingänge und Atrien mit Rolltreppen. Das Restaurant ganz oben bekommt ein Glasdach und eine Terrasse. Auch Veranstaltungen sollen hier stattfinden, dazu gibt es erweiterte Öffnungszeiten bis Mitternacht. Für André Maeder, Geschäftsführer der KaDeWe Group, bedeutet das eine Positionierung des Traditionshauses „im Wettbewerb mit internationalen Stores und dem Onlineshopping“.

Berlin, die Hauptstadt der Shoppingcenter

In Berlin wächst besonders die Konkurrenz durch große Shoppingcenter. 67 Einkaufszentren mit mindestens je 5000 Quadratmetern Verkaufsfläche sind der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin bekannt – weit mehr als in allen anderen deutschen Städten. Dahinter liegen Hamburg mit 41 Standorten und Köln mit acht. Berlins größtes Center sind die Neuköllner Gropius Passagen (rund 160 Läden auf 85.000 Quadratmetern), die zurzeit erweitert und modernisiert werden – gefolgt von der 2014 eröffneten „Mall of Berlin“ am Leipziger Platz in Mitte (etwa 170 Läden auf 76.000 qm) und dem „Boulevard Berlin“ an der Steglitzer Schlossstraße (120 Geschäfte auf 76.000 qm).

Shoppingcenter machen jetzt schon mehr als ein Viertel der Gesamtverkaufsfläche in der Hauptstadt aus, die seit 1989 von 2,41 Millionen auf über 4,42 Millionen Quadratmeter gewachsen ist. Und weitere Center sind in Planung. So lässt der Gründer der „Mall of Berlin“, Harald Huth, derzeit die alte Schultheiss-Brauerei in Moabit zum „Schultheiss Quartier“ umbauen und will am Kurfürstendamm die „Mall of Ku’damm“ errichten. Andere Investoren streben die Modernisierung des nahen Ku’damm-Karrees an. Geschäftsführer Norman Schaaf vom Miteigentümer Cells Bauwelt (München) sagt allerdings, es gehe um „keine Shoppingmall“, sondern um eine Art Kaufhaus: Eine ungenannte Modekette wolle 23.000 der künftigen 35.000 Quadratmeter Verkaufsfläche nutzen. Auch zum Stadtquartier „Pankower Tor“, das der Möbelhaus-Unternehmer Kurt Krieger (Möbel Höffner, Sconto, Möbel Kraft) am Güterbahnhof Pankow errichten will, gehört ein Center.

Erfolgreiche Kooperation von Warenhäusern und Shoppingmalls

Kaufhäuser und Shoppingmalls können kooperieren. So ist Karstadt Steglitz seit 2012 in den „Boulevard Berlin“ an der Schlossstraße integriert, Kaufhof hat eine Filiale in den Gropius-Passagen. Und Karstadt am Kurfürstendamm soll zwar im März 2017 für den Bau der „Mall of Ku’damm“ schließen, aber ab 2020 als Hauptmieter an gleicher Stelle zurückkehren. Die Kaufhäuser in der Stadt seien „immer stark“ gewesen, sagt der Hauptgeschäftsführer des regionalen Handelsverbands, Nils Busch-Petersen. „Die Berliner sind Warenhausfreunde – hier lagen nicht die Probleme von Karstadt, Hertie oder Woolworth.“ Doch eine Ausnahme gibt es: Kaufhof hat angekündigt, die Filiale am Ostbahnhof in Friedrichshain im Sommer 2017 zu schließen und begründet dies mit einer jahrelangen negativen „Entwicklung im Umfeld“.

Aus eigener Erfahrung als Kunde schätzt Busch-Petersen an Kaufhäusern, dass man sich in allen Abteilungen bedienen und dann bequem zu einer Kasse gehen kann. Im Center hingegen muss man in jedem Laden einzeln bezahlen. Einkaufszentren konkurrierten vor allem untereinander und stünden zunehmend unter dem Druck, sich voneinander zu unterscheiden, sagt der Verbandschef. Bei Neubauten „hat sich die Dynamik deutlich verlangsamt, es gibt einen gewissen Sättigungsgrad“. Busch-Petersen nimmt an, dass „in den nächsten zehn Jahren keine zehn Center hinzukommen“. Auch Flächen werden knapp. Auf der „grünen Wiese“ im Umland genehmigt Brandenburg längst keine Center mehr, außerdem bevorzugen immer mehr Kunden kurze Wege. In Berlin schreibt der „Stadtentwicklungsplan Zentren“ des Senats vor, dass Malls nur noch an „integrierten Standorten“ entstehen dürfen – sie sollen sich in bestehende Einkaufsstraßen und Ortszentren einfügen. Aus diesem Grund lehnt der Senat auch ein Einkaufszentrum im ehemaligen Internationalen Congress Centrum (ICC) am Charlottenburger Messegelände ab.

Der stationäre Einzelhandel kann von den Malls profitieren

Statistisch ist noch keine Überversorgung mit Verkaufsflächen erkennbar. Aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte liegt Berlin mit 1,26 Quadratmetern je Einwohner sogar unter dem Bundesdurchschnitt von 1,5 Quadratmetern. „Der Einzelhandel ist nach wie vor das Hauptmotiv für den Besuch der Innenstadt“, sagt die IHK-Branchenkoordinatorin für Tourismus und Gastgewerbe, Simone Blömer. Zur Attraktivität eines Standorts gehörten „ein vielfältiges Dienstleistungs- und Freizeitangebot und eine gute Erreichbarkeit“. Deshalb „kann der stationäre Einzelhandel in zentralen Innenstadtlagen von der Existenz großer Shoppingcenter durchaus profitieren“, so Blömer.

Berlins Einzelhandelsumsatz ist 2015 auf 15,6 Mlilliarden Euro gestiegen, das Amt für Statistik meldet einen Zuwachs von 5,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Beschäftigtenzahl nahm um 2,3 Prozent zu. Der stärkste Motor der Entwicklung ist der Tourismus-Boom. Mehr als ein Viertel der Umsätze werden mit Reisenden gemacht. Aber auch der Onlinehandel hat nach Schätzung des Handelsverbands einen Anteil von elf bis zwölf Prozent am Berliner Gesamtumsatz erreicht. Und die Versandhändler sind weiter auf dem Vormarsch. Amazon zum Beispiel richtet derzeit ein Lager im Ku’damm-Karree ein, um Berliner Kunden innerhalb von ein bis zwei Stunden beliefern zu können.

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