Fusion aus Form und Klang

Architektur, Interieur

Bei ihrer Eröffnung am 11. Januar 2017 stand die Elbphilharmonie wieder einmal im Fokus des medialen Interesses. Diesmal ging es aber nicht um Kosten und Skandale, sondern um die Frage: Finden Form und Klang hier wirklich zur perfekten Einheit?

Die Vision eines Konzerthauses für alle Bürger

Sie ist eine Schönheit, unbestritten. Und sie kann einiges wegstecken, das hat sie in den vergangenen Jahren bewiesen. „Elphi“, wie sie von ihren Fans zärtlich genannt wird, kennt die emotionalen Achterbahnfahrten der öffentlichen Meinung – bedingungslosen Zuspruch und völlige Ablehnung inklusive. Doch sie hat es ausgesessen, hat Kostenexplosionen, Managementwechsel und Termindebakel stoisch an sich vorbei ziehen lassen. Mit Erfolg, denn Ende Oktober 2016 nahm Hausherr Christoph Lieben-Seutter, seines Zeichens Generalintendant der Laeiszhalle und nun auch Herrscher aller Reusen im neuen Konzerthaus, symbolisch die Schlüssel entgegen. Dreizehn Jahre lang hatte die Stadt auf diesen Moment warten müssen. Solange sollte es nämlich dauern, bis aus der Vision des Architekten Alexander Gérard einer „Philharmonie für alle Hamburger“ Wirklichkeit wurde.

Die Bauzeit als emotionale Berg- und Talfahrt

Die Geschichte der Elbphilharmonie beginnt 2003, als Gérard dem Hamburger Senat vorschlägt, auf dem trapezförmigen Kaispeicher A eine Philharmonie zu errichten. Ein urbaner, ein öffentlicher Ort soll es sein – eine zweite Konzerthalle für die Stadt, mitten im Hafen und finanziert ohne öffentliche Mittel. Er und seine Frau, die Kunsthistorikerin Jana Marko, wollen damit einen Gegenentwurf schaffen zur prosperierenden Hafencity, die sich zum Nobel-Ghetto zu entwickeln droht. Zwei Jahre hat das Ehepaar den Globus bereist, Konzerthallen angeschaut, mit Akustikern und anderen Spezialisten gesprochen. Auf eigene Kosten haben sie die Stararchitekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron beauftragt, die gerade mit dem Bau der Allianz Arena in München von sich reden machen. Damit haben sie auf das richtige Pferd gesetzt, denn der futuristische Entwurf der Schweizer schlägt im Hamburger Rathaus ein wie eine Bombe.

Ein Geniestreich von Herzog & De Meuron

Über der archaischen Backsteinarchitektur des 60er-Jahre-Speichers erhebt sich eine kühne, noch nie da gewesene Glaskonstruktion mit scheinbar schwebendem Dach. Wie Wellen schwappen die organischen Formen dem Himmel entgegen. Für den Initiator währt der Rausch der Begeisterung nicht lange: Bereits ein Jahr nach der Präsentation ist Alexander Gérard nicht mehr an Bord; die Stadt hat ihn aus den Verträgen mit dem Architekturbüro Herzog & de Meuron herausgekauft. Oberster Projektleiter ist nun der Jurist und Manager Hartmut Wegener, den der Erste Bürgermeister Ole von Beust dem Architekten Gérard ursprünglich beratend zur Seite gestellt hatte. Bald ist allen Beteiligten klar, es wird ein teures Unterfangen. Grund hierfür sind zu einem nicht unerheblichen Teil Änderungswünsche aus den Reihen des Senats wie eine konkav gebogene Rolltreppe und andere Spielereien. Die Bürgerschaft beschließt das Vorhaben einstimmig, am 2. April 2007 ist Grundsteinlegung. Noch immer ist Hamburg euphorisiert von dem „Jahrhundertbauwerk“, das der Stadt soviel internationale Beachtung und Anerkennung bringt. Längst liegen die prognostizierten Kosten bei fast 300 Mio. Euro und „Elphi“ wird zum sicheren Kandidaten für die Skandalrubriken der Medien. Sie hält es aus.

Die Kostenspirale dreht sich weiter

Fast genau ein Jahrzehnt später bei der Schlüsselübergabe kumulieren sich die Gesamtkosten auf rund 789 Mio. Euro. Und die Erwartungen an die neue Attraktion sind groß, bei der Tourismuswirtschaft ebenso wie bei den Bürgern, nicht nur bei den musikbegeisterten. Die größte Sorge gilt dem Klang; wie ein Damoklesschwert schwebt die Anekdote vom Münchener Gasteig über den letzten Arbeiten im Großen Saal. In dem Kulturzentrum befindet sich unter anderem der Konzertsaal der Münchener Philharmoniker. Und kein geringerer als Leonard Bernstein hatte 1985 nach einem Konzert im Gästebuch vermerkt: „Burn it“. Mit diesem Makel schlägt sich der Kulturbunker bis heute herum, 800 Kilometer weiter nördlich will man sich derlei Schmach ersparen. Und hat das Thema Akustik deshalb zum Superprojekt erklärt. Codename: Weiße Haut.

Eine weiße Haut für perfekten Klang

Dass die Sache mit dem perfekten Klang kein Sonntagsspaziergang werden würde, war schnell klar. Die Elbphilharmonie folgt nämlich auch in der Innengestaltung neuen Wegen. So ist sie die erste Konzerthalle überhaupt, in der das Orchester im Mittelpunkt platziert wird. Das Publikum verteilt sich ringsum auf verschachtelten, aufsteigenden Rängen; der höchste Platz befindet sich 17 Meter über dem Boden. 2150 Zuschauer fasst der Große Saal durch das sogenannte „Weinberg-Konzept“. Aber das ist noch nicht alles. Der Raum ist verwinkelt, überall befinden sich Kanten. Und genau das ist das Horrorszenario für jeden Akustiker. Der Grund ist einfach: Jeder Klang ist eine Welle, die sich an Kanten bricht und in den Raum zurück katapultiert wird, sich vielleicht wieder bricht – und so fort. Diese Reaktion ist unkontrollierbar.

3-D-Modelle und Computerprogramme

An dieser Stelle kommen zwei Männer ins Spiel, die der Elbphilharmonie zu perfektem Klang verhelfen wollen. Yasuhisa Toyota, seines Zeichens einer der bekanntesten Akustiker des Planeten, hat den Raumklang des Großen Saals mit komplexen 3-D-Modellen berechnet. Dazu baute er den Saal im Maßstab 1:10 nach, um das Klangverhalten mit Mikrophonen zu simulieren. Und das ist nicht alles. Er entwickelte etwas, was in dieser Form bislang einmalig ist, die Weiße Haut. Dabei handelt es sich um eine Verschalung für Wände und Decken, die aus sage und schreibe 10 000 individuell bearbeiteten Gipsfaserplatten besteht. Unikate, ein jedes gefräst und mit einer einzigartigen Oberfläche aus Vertiefungen, Riefen und pyramidalen Kegeln versehen, um den Schall an jeder Stelle des Saals bestmöglich zu brechen. Eine Sisyphosarbeit für den, der all diese Paneel-Oberflächen im Detail berechnen muss. Sein Name: Benjamin Samuel Koren. 2009 erhielt er von Herzog & de Meuron den Auftrag, genau das zu tun. Also hat sein Unternehmen One to One die letzten sieben Jahre damit verbracht, die Weiße Haut zu berechnen. Zwischen siebzig und achtzig Kilogramm wiegt so eine Platte nach Bearbeitung und ist damit auch für die endgültige Fixierung eine Herausforderung. Aber das Ergebnis ist die Mühe wert: Die komplizierten Algorithmen folgenden Erhebungen und Dellen sorgen dafür, dass sich der Klang optimal streut. Davon können sich nun fast täglich die Konzertbesucher überzeugen. „Elbhi“ indes zeigt sich von all dem unbeeindruckt. Still und stolz liegt sie da, wie eine Galionsfigur ruht sie im träge dahin ziehenden Elbstrom. Sie ist eben eine Diva mit Format.

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