Berliner Stadtschloss 1900

Das Schloss im Jahre 1900. Im Zweiten Weltkrieg brannten Teile des Schlosses aus. In der DDR wurde es schließlich abgerissen.

Im 15. Jahrhundert von den Markgrafen und Kurfürsten von Brandenburg erbaut, wurde das Schloss unter Friedrich I. mit Erweiterungen von Andreas Schlüter 1702 erst zur königlich-preußischen und später zur kaiserlichen Residenz des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Im Zweiten Weltkrieg brannten Teile des Stadtschlosses aus und obwohl der Wiederaufbau möglich gewesen wäre, beschloss die SED unter internationaler Kritik, das Schloss 1950 abzureißen. Ab 1973 stand an seiner Stelle der Palast der Republik, der letztendlich das Schicksal seines Vorgängers teilte und gesprengt wurde. 

Baustelle Westfassade Berliner Schloss August 2018

Die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses ist sehr umstritten.

So wechselvoll wie die Geschichte ist nun auch die Rekonstruktion des Schlosses. Schon der Bundestagsbeschluss, es wieder aufzubauen, war umstritten, ebenso der Finanzierungsplan (der Staat bezahlt 600 Millionen Euro für das Humboldt Forum, die Fassade wird mit Spendengeldern finanziert) und der Entwurf des Architekten Franco Stella.

Grundriss Erdgeschoss Berliner Schloss

Der Grundriss des Erdgeschosses mit dem Schlüterhof.

Ansicht von der Nord-West-Seite Berliner Schloss

Die Nord-West-Fassade ist eine Rekonstruktion des Stadtschlosses.

Für den Wiederaufbau werden unter anderem drei von vier Fassaden mit Hauptkuppel, drei Portale des Eosanderhofs sowie Teile des Schlüterhofs originalgetreu rekonstruiert; die Ostfassade und das Schlossinnere werden modern gehalten.   

Nach fünf Jahren Bauzeit aber steht das Schloss weitgehend und wird, trotz Bauverzögerungen, voraussichtlich ab November 2019 etappenweise eröffnet. Einen ersten Blick auf den fast fertigen Schlüterhof und die zweite Etage konnten Berliner schon im vergangenen August werfen.

Treppenhalle Humboldt Forum Berliner Schloss

Die Treppenhalle des neuen Humboldt Forums.

Schlüterhof Berliner Schloss

Teile des Schlüterhofs werden originalgetreu rekonstruiert.

Damit ist aber der Streit um Nutzen und Wirkung des Schlosses mitnichten beendet. Als Humboldt Forum soll es eine interdisziplinäre Plattform beherbergen, die nach Humboldt’schem Ideal den Dialog zwischen Wissenschaft und Kultur fördern und nach dem Vorbild britischer Museen als Pilotversuch in Deutschland für die Besucher kostenfrei sein soll. Besonders die Auseinandersetzung mit dem deutschen Kolonialismus, dessen Zeugnisse in Form von Exponaten aus dem Ethnologischen Museum in das Schloss einziehen, soll mitten im Herzen der deutschen Hauptstadt in den Fokus gerückt werden. 

Die Sammlung des Ethnologischen Museums, zu der etwa 500.000 Objekte gehören, ist eine der größten nichteuropäischen Kunstsammlungen der Welt. Der Umzug aus der Dahlemer Peripherie in ein so viel diskutiertes Projekt wie das Berliner Stadtschloss hat die Blicke nun stärker als zuvor auf die Herkunft der Kunstwerke in der Sammlung gelenkt: Viele der Objekte wurden im Zuge wissenschaftlicher Expeditionen und archäologischer Ausgrabungen im Geiste der Aufklärung zu wissenschaftlichen Zwecken nach Europa gebracht, bei anderen sind die Umstände der Aneignung hingegen umstritten.

Chinesische Kaiserthron Berliner Schloss

Der chinesische Kaiserthron wird im Humboldt Forum neu inszeniert.

Zu den strittigen Artefakten gehören unter anderen ein Thron des kamerunischen Bamun-Stamms und Bronzen aus Benin, die in deutschen Besitz kamen, als das deutsche Kaiserreich Kolonialherr in diesen Regionen war, ebenso wie Beutestücke aus dem Maji-Maji-Krieg, einem gewalttätigen Eroberungsfeldzug der Deutschen Anfang des 20. Jahrhunderts. 

Erst im Juli 2018 trat die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, Beraterin des französischen Präsidenten Emmanuel Macron für Restitutionen afrikanischer Kunst, wegen Kritik an einer mangelnden Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe aus dem Expertenbeirat des Humboldt Forums zurück: »Ich will wissen, wie viel Blut von einem Kunstwerk tropft«, sagte sie im Zuge ihres Rücktritts.

Kunstsammlung Nulis-Maske Humboldt Forum Berliner Schloss

Die Nulis-Maske aus der Nordamerika-Sammlung des Ethnologischen Museums wird bei der Eröffnung 2019 im Humboldt Forum zu sehen sein.

Immerhin hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz erstmals Objekte aus der Sammlung des Ethnologischen Museums an eine Herkunftsgesellschaft restituiert. Im Mai wurden neun Grabbeigaben, die im 19. Jahrhundert aus Gräbern an der Nordwestküste Amerikas geraubt worden waren, an Vertreter der Chugach Alaska Corporation zurückgegeben. 

Kunstsammlung Mandu-Yenu-Thron Berliner Schloss

Der Mandu-Yenu-Thron aus Bamun in Kamerun.

Angesichts der anhaltenden Kritik regt sich mittlerweile etwas im Humboldt Forum: Zu künftigen Ausstellungen des Ethnologischen Museums sollen Kuratoren aus den jeweiligen Herkunftskulturen hinzugezogen werden, wie etwa im Falle von »Tansania–Deutschland: Geteilte Objektgeschichten?« Historiker der Universität von Dar es Salaam und Kuratoren des Nationalmuseums von Tansania. Monika Grütters, Kulturbeauftragte der Bundesregierung, hat eine intensivere Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe befürwortet. Und das Deutsche Zentrum für Kulturgutverluste, das traditionell von den Nationalsozialisten geraubte Kunst untersucht, hat angekündigt, seine Kompetenz auf koloniale Provenienzforschung zu erweitern.

Kunstsammlung Nandi-Figur Berliner Schloss

Die kunstvoll gestaltete Nandi-Figur ist im Moment noch im Pergamonmuseum zu sehen, wird aber zukünftig auch zu den Highlights im Humboldt Forum gehören.

Es sind erste Schritte in Richtung der kosmopolitischen, aufgeklärten Dialogplattform, die das Berliner Stadtschloss mit dem Humboldt Forum werden will. Aber das Erbe des Schlosses – eines Sinnbilds des preußischen Imperialismus – und der deutschen Kolonialgeschichte wirft lange Schatten auf diese Vision. In welchem Maße es die Vergangenheit aufzubrechen vermag und es wirklich schafft, ein zukunftsweisendes Dialogzentrum zu werden, bleibt weiterhin abzuwarten. 

Ost- und Südfassade August 2018 Berliner Schloss

Die zur Spree gelegene Ostseite des Humboldt Forums ist modern gehalten. Die übrigen Seiten sind Rekonstruktionen der ursprünglichen Barockfassade des Stadtschlosses.

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Ein Beitrag von Quynh Tran

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